„Bis dass der Akku euch scheidet.”

handywahn

„Jaaaaa, ich will! Ich will alles mit dir teilen, so lange wie möglich.
Ich will mit dir lachen, mit dir weinen, mit dir die Welt erkunden und gleichzeitig auf der Couch gemütlich einen Film schauen, ich will dir meine Familie und meine Freunde vorstellen, ich will mit dir shoppen und bis zum Sonnenaufgang tanzen, ich will, ich will, ich will…” Du bist meine bessere Hälfte – Moment mal! Du bist meine bessere Hälfte?
Habe ich mich gerade als halb Mensch, halb Maschine bezeichnet?
Auch wenn ich die Körpergröße und einen kleinen Teil von Herrn Schwarzenegger’s Bizepsumfang besitze, heißt das nicht, dass ich auch die anderen Eigenschaften zwangsläufig übernehmen muss.
Also, alles wieder auf Anfang. Du, mein liebes Smartphone sollst meine bessere Hälfte sein? Wirklich? Wenn ich mich so umschaue, scheint dieser Gedanke in so manchen Köpfen herumzuschwirren.
Wer hip sein will, führt nicht mehr seinen Handtaschenhund aus, sondern geht mit seinem Smartphone inklusive „Glitzerhandbändchen“ spazieren und lässt es hier mal vibrieren oder dort mal ein Datenhäufchen machen. Ach ja, die neue Art der „Prestige-Parade“. Früher hieß es: „Mein Auto, mein Haus, meine Yacht.“
Heute heißt es: „Mein Smartphone, meine Smartphonehülle, mein Smartphone-Klingelton.“
„Gott, du hast uns das Gehirn geschenkt, warum nicht auch eine Notrufnummer dafür?“
Manchmal frage ich mich, ob es Smartphones gibt, die schon mal über Selbstmord nachgedacht haben – erhängt mit dem eigenen Ladekabel.
Wenn ich die ganze Zeit über in nur ein- und dieselbe „solariumüberbräunte“ Fresse einer Frau schauen müsste, die so viel Schminke aufgetragen hat, dass bei jeder kleinsten Bewegung Make-up-Reste wie Felsbrocken auf mein „Display-Gesicht“ knallen, würde ich definitiv an Suizid denken. Oder wenn ich Schlagerfan wäre und mein Besitzer die ganze Zeit zappelnd Techno hören würde, so dass ich mich mit „Home-Knopfschmerztabletten“ zu dröhnen müsste, wenn ich nur noch dazu erniedrigt werde, der „Zehntausend-Smileys-sagen-mehr-als-tausend-Worte-Palette“ genügend Leuchtkraft zu geben, oder wenn ich jedes Mal Überbringer von romantischen SMS wäre, obwohl ich seit meiner Geburt per „Kaiserfließbandschnitt“ irgendwo in China keine Liebe bekommen habe.
Ich könnte es verstehen – der „Leider-kein-Netz-Brechreiz“ würde sekündlich in
meinem Inneren hochkommen. Zurück zum eigentlichen Problem?
Gibt es Menschen, die ihr Smartphone wie ein Sauerstoffgerät ständig bei sich haben müssen und lieber ohne Schuhe oder Unterwäsche das Haus verlassen, als ihren treuen Wegbegleiter nur eine Sekunde im „Schlummermodus“ vom „Handyhimmel“ träumen zu lassen?
Ja, es gibt sie und die Spezies gewinnt täglich neue Jünger.
Ob es die 5-Klässler sind, die Ihr Smartphone als Jukebox benutzen und der ganzen Welt den „Brechgesang“ der Deutsch-Rapper „dudenfreier Abstammung“ präsentieren oder die verliebten Pärchen, die gemeinsam im Café sitzen und eine Konversation mit T9 haben, nicht zu vergessen die „Selfie-Fraktion“, die dafür sorgen, dass einem Kostümverleih niemals die Vorlagen für
„Halloween-Masken“ ausgehen.
Bevor die Handyrechnung all dieser unnötig in die Höhe getrieben wird, da sie sich beim Hoster meiner Website bzw. dem Bundesverfassungsschutz beschweren wollen oder in der Warteschleife der Mafia völlig unwissend ihres Geldes („Ein Anruf kostet Sie nur 30 Cent. Und Ihre Kontodaten.“) beraubt werden, beende ich diesen Artikel mit den Worten „Leben und leben lassen – auch wenn man sich manchmal wünscht, dass der „Realitäts-Akku“ bei dem einen oder anderen doch öfter mal aufblinkt.“