„Pitch, Don’t Kill My Vibe“

Kachel_02

Eine Pitchpräsentation ist wie ein One-Night-Stand – erster Augenkontakt mit den Kunden und ein kurzes verschmitztes Lächeln. Anstatt an die Bar lehne ich mich lässig gegen den Beamer. Meine Augen schweifen umher und suchen die „Megan-Fox-Praktikantin“.
Doch sie finden nur die „Angela-Merkel-Marketingleiterin“.
Egal, besser als nichts…
Die ersten Worte werden gewechselt:
„Na, das erste Mal hier?“
„Nein, ich gehe hier schon seit 10 Jahren ein und aus.“
Nachdem mich „Angie“ eiskalt abgefrühstückt hat, sieht man auch in den anderen Gesichtern die vollendet veredelte Langeweile.
Der erste Korb schmerzt, doch der zweite wird definitiv ein „3-Punkte-in-your-Bürokratenface-Wurf“, mit dem ich mal eben jede „Eisberg-Voraus-Visage“ zum Schmelzen bringe – irgendwie bin ich halt doch ein bisschen Leo.
(„Es ist hart ein Diamant in einer Welt voller Backsteine zu sein…“)

Phase 1 „Interesse wecken“
Der Agenturchef hält die Eröffnungsrede (ein bisschen Caesar, ein bisschen Trapattoni) und übergibt dann an mich.
Diesmal versenke ich den Korb am besten direkt im Gesicht des Finanzchefs, da mir dieser den Kontaktversuch zur Marketingleiterin scheinbar sehr übel nimmt. Halb so groß wie ich, weniger Haare auf dem Kopf als nen Nacktmull und in der Hose ne Davidoff-Zigarette. Ein (Schach)-Zug und du bist weg, denk ich mir…
Ich lege los und präsentiere den kreativen Part. Ich mache schnell klar, dass unsere Idee der Haifisch im Pitch-Becken ist.
(„Ihr seid nur kleine Fische, ihr könnt den Hai nicht ficken…“)

Plötzlich habe ich die Aufmerksamkeit der Marketingleiterin. Und dazu noch die großen Augen der Rechtsanwältin des Unternehmens.
(Meine Justice League mit Ms. Ad und Lady Law. Wichtige Erinnerung für später: ein intimes Meeting in meiner Batcave einberufen.)
Die Präsentationsfläche wird breiter, die anderen Alpha-Tierchen räumen das Feld und lassen den Jägermeister zum Platzhirschen aufsteigen.
Online, Offline, Social-Media, TV, Viral, Plakat – ich offenbare die komplette Brandbreite der gewünschten Maßnahmen und mache klar, wer das Sixpack unterm Text-Shirt trägt. Es wird heißer und heißer, die Sprinkleranlage spannt schon den Bizeps an. Zwei Frauen? Für einige schon mehr, als sie sich leisten können… Doch ich will die Aufmerksamkeit und die flehenden Blicke von allen. Schon mal einen Copy-Scheich mit nem 2-Frauen-Harem gesehen? Also, weiter geht’s. Doch auch die beste Ramensau (ich liebe diese Nudeln einfach…) braucht jemanden, der den „Scheinwerfer“ hält. Bühne frei für den Berater und seinen Finanzteil!

Phase 2 „Willig machen“
Nachdem die Damen in der Runde bereit sind, mir nicht nur ihre Telefonnummer zu geben, liegt es jetzt am Berater, aus den abweisenden Blicken der Männerfraktion leuchtende Diskokugel-Augen zu machen. Manchmal reicht dafür schon ein zweiter Gin-Tonic, doch diesmal muss es etwas mehr sein. Tadaa! Das „Time-Sheet“ (Glow-Effekt), wann und wofür wir die vorhandenen finanziellen Mitteln einsetzen, macht deutlich, dass bei uns sogar die Socken zur Boxershort passen. Missionarsstellung Impossible gelöst!

Phase 3 „Zu mir oder zu dir“
Wir haben gezeigt, was wir wollen. Nun müssen sich „Die Ritter der Schwafelrunde“ zurückziehen und entscheiden, mit wem sie nachhause gehen. Bei all ihren Überlegungen beziehen sie natürlich auch ihre Erfahrungen aus der Vergangenheit mit ein. Denn sie wollen nicht schon wieder den Fehler machen, sich auf eine Agentur einzulassen, die nach 2 Minuten „abspritzt“ und die restliche Vertragszeit nur noch faul im Bett rumliegt.

Phase 4 „Der Morgen danach“
Geschafft. Der Akt ist vollzogen. Erleichtert und verschwitzt nehmen wir unsere Sachen und ziehen die Tür leise hinter uns zu.

Phase 5 „ Die Erkenntnis“
Am Ende folgt häufig die Ernüchterung, dass man sich wieder seinen Gelüsten hingeben hat, ohne über die Folgen nachzudenken.
Doch manchmal wacht man morgens auf, streckt sich und denkt: ich will ja keine Werbung (für mich) machen, aber ich war richtig gut.
Tja, wenn man mit dieser Erkenntnis auch noch Geld verdienen kann…
In diesem Sinne: „Pitch better have my money“.